Eroberung der dritten Dimension

Drohnen

Journal 2/16 Drohnen Gross

Sie sind in! Immer kleiner, leistungsfähiger und günstiger eröffnet die rasante technische Entwicklung täglich neue Einsatzmöglichkeiten und beflügelt die Fantasie. Ein brandaktuelles Phänomen zwischen Hype und Hysterie.

Ein bis anhin unbekanntes Schweizer Unternehmen startet 2015 eine Kampagne auf der Crowdfunding-Website Indiegogo, um ihr Projekt zu finanzieren. Innerhalb von 20 Stunden konnte es 20‘000 USD einsammeln. 30 Tage später hat es sage und schreibe 114% des Finanzierungsziels von 300‘000 USD erreicht. Bei dem Projekt handelte es sich um Fotokite Phi, eine intuitiv zu bedienende Quadkopter-Drohne für Luftaufnahmen mit GoPro-Kameras, welche der Benutzer an der Leine führt, des Unternehmens Perspective Robotics. Die grosse Nachfrage nach dieser Freizeit-Drohne und der kometenhafte Aufstieg von Perspective Robotics sind symbolisch für die Stellung der Drohne in unserer heutigen Gesellschaft: Drohnen liegen im Trend.

Die Geschichte der Drohne

Eine Drohne ist per Definition ein unbemanntes Luftfahrzeug, welches mittels Fernsteuerung oder Computer und ohne Boardbesatzung betrieben und navigiert werden kann. In Fachkreisen wird sie als UAV oder neuer als UA (unnmanned aerial vehicle oder unmanned aircraft, zu Deutsch unbemanntes Luftfahrzeug) bezeichnet. Die bekanntesten Drohnenmodelle ähneln einem Gleitflieger oder kommen in Form der im Handel gängigen Quadkopter mit vier Rotoren daher. Moderne, zivile Drohnen sind ein relativ junges Phänomen - die Geschichte des unbemannten Luftgefährtes jedoch reicht ein beachtliches Stück in der Zeitgeschichte zurück, 233 Jahre, um genau zu sein. Am 4. Juni 1783 liessen die Brüder Montgolfier das erste unbemannte Luftfahrzeug der Geschichte in Form eines Heissluftballons erfolgreich in Annonay in Frankreich aufsteigen. 1849 liess das Königreich Österreich-Ungarn mit Sprengstoffladungen ausgestattete Ballons emporsteigen, um Aufstände in Venedig niederzuschlagen. Während des Ersten Weltkrieges wurden die ersten unbemannten Flugzeuge entwickelt, welche per Funk gesteuert wurden. In diesem Zeitraum begann die Drohne ihre lange Karriere als primär militärisches Gebrauchsgut. Es folgten bekannte Kampfdrohnen des US-Militärs mit ehrfurchteinflössenden Eigennamen, wie z.B. die MQ1-Predator (engl.= Räuber, Raubtier) und die MQ9-Reaper (engl.= Sensenmann), welche mitunter im Afghanistankrieg eingesetzt wurden. Seit den 2010er Jahren ist die Drohne aus dem Mainstream nicht mehr wegzudenken: Schon für 300 Schweizer Franken kann eine einfache Drohne im Handel für den Privatgebrauch erworben werden und erfreut sich rasant wachsender Beliebtheit.

Warum heisst es «Drohne»?
Aufgrund ihres langjährigen, umfangreichen Einsatzes in der militärischen Zielbekämpfung kämpft die Drohne noch heute gegen ihr martialisches Image an. Auch die Bezeichnung «Drohne» hat ihren Ursprung im Militär, obwohl ein harmloser, filmender Quadkopter mit todbringenden Geschützen nichts mehr gemein hat. Die britische Royal Navy bezeichnete ausrangierte Doppeldecker der 30er Jahre, welche als Ziele für Flugabwehrgeschütze dienten, als Bienenköniginnen. Die US Navy betätigte sich ähnlicher Übungsgeräte, welche sie als Drohnen bezeichnete – eine Hommage an die legendären Bienenköniginnen. Im Verlauf des Sprachgebrauchs bürgerte es sich ein, alle unbemannten Fluggefährte als Drohnen zu bezeichnen. Die heutige Drohnenindustrie wehrt sich vehement gegen die Bezeichnung «Drohne», weil sie oft mit «bewaffnet, feindlich, gross» in Verbindung gebracht wird und zieht den Namen «Kopter» vor. Doch die «Drohne» als Begrifflichkeit hat sich so durchgesetzt und etabliert, dass sie auch weiterhin unter dieser Bezeichnung vermarktet wird.

Goldgräberstimmung! Das Geschäft mit der Drohne

Obwohl der Drohnenmarkt noch heute von militärischen Projekten dominiert wird, ist die Drohne der aufstrebende Verkaufsschlager des Konsumentenmarktes. Zu den bekanntesten Unternehmen im zivilen Drohnenmarkt gehören Parrot aus Frankreich und DJI aus China. Parrot ist mit einem Absatz von 70% aller verkauften Privatdrohnen weltweit stiller Weltmarktführer der zivilen Drohnen. Der globale Umsatz mit Drohnen beträgt momentan rund 7 Milliarden USD. Das Trendforschungsunternehmen ABI Research rechnet mit einem Umsatz von 8.3 Milliarden USD bis 2019 und das Marktforschungsunternehmen Teal mit einem Umsatz von bis zu 11.5 Milliarden USD bis Mitte des nächsten Jahrzehnts. Gute 10 bis 14 Prozent dürften hierbei auf zivile Drohnen abfallen. Betrachtet man exemplarisch das exponentielle Wachstum von DJI, sind solche Zahlen nicht unrealistisch. DJI wächst seit seiner Gründung 2006 um das Fünffache - und zwar jährlich. Nicht zuletzt dank beliebter Serien, wie der Phantom-Serie, welche durch Funktionalität und einen erschwinglichen Preis ab 400 Schweizer Franken überzeugt. Ein Nischenprodukt ist die Drohne gewiss nicht mehr – sie hat einen fixen Platz im Massenmarkt erobert. Der ungehaltene Erfolg DJIs rief auch namhafte Geldgeber auf den Plan. Die US-Wagniskapitalfirma Accel Partners, welche eine der ersten Facebook-Investoren war, glaubt an den langfristigen Erfolg der Drohne. Nach der letzten Finanzierungsrunde im Mai 2015 ist DJI stolze 8 Milliarden USD schwer. Für den grössten Schweizer-Onlinehändler Digitec Galaxus ist die Drohne insbesondere in der Vorweihnachtszeit ein Verkaufsrenner. Das von Migros kontrollierte Unternehmen verkauft inzwischen mehrere tausend Exemplare jährlich, wobei der durchschnittliche Zuwachs der vergangenen vier Jahre bei 150% lag. Es herrscht Goldgräberstimmung im Drohnen-Geschäft. Zivile Drohnen treffen den Zahn der Zeit, sie können hochaufgelöst Panoramen filmen und so besondere Momente und Ereignisse für immer digital festhalten. Parrot-Manager Nicolas Halftermeyer fasst den Zeitgeist prägnant zusammen: «Wir machen das Gerät für die Selfie-Generation.» Ermöglicht wird der Hype durch neue, benutzerfreundliche Funktionalitäten, welche es auch Flugamateuren ermöglichen, eine Drohne einfach und unfallfrei zu navigieren.

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Einsatzgebiete

Doch eine Drohne kann mehr als nur Selfie 2.0. Sie kommt schon heute in den vielfältigsten Gebieten zum Einsatz: In der Kartografie und Vermessung von Landstrichen und Naturschutzgebieten erhalten Ökologen rasch einen Eindruck von Artenvielfalt und dem ökologischen Zustand, ohne die tierischen Bewohner mit ihrer Anwesenheit direkt zu stören. Das Programm «Fliegender Wildretter» des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt spürt mit Drohnen gezielt Rehkitze in landwirtschaftlichen Feldanlagen auf, um Unfälle mit Landmaschinen zu vermeiden. Auch der Stromkonzern RWE inspiziert mit Drohnen auf regelmässiger Basis seine Hochspannungsleitungen. Drohnen sind jedoch nicht nur für Forschung und Grossindustrien interessant. Ein deutscher Dachdeckermeister hat die Drohne für seinen kleinen Betrieb entdeckt. Anstatt selbst die Leiter hochzuklettern, schickt er seine Drohne, um den Zustand des Daches zu ermitteln. Weitere Einsatzgebiete sind z.B. die Inspektion von Atomkraftwerken und Solaranlagen, Monitoring in der Landwirtschaft oder Ist-Analysen von Katastrophengebieten und Baustellen. In den Startlöchern steht der Gebrauch der Drohne in der Ersatzteillogistik, auch genannt Intralogistik. Innerhalb grosser Werkanlagen transportieren Drohnen dringend benötigte Ersatzteile, da auch nur ein kurzer Ausfall einer Maschine grosse Kosten generieren kann. Zeit ist hier im wahrsten Sinne des Wortes Geld.

Kuriose Geschichten

Doch nicht immer ist der Einsatz der Drohne so orthodox. Vermehrt erzählt die Presse über kuriose Geschichten, Zweckentfremdungen und abenteuerliche Projekte: In Hamburg stürzte eine Drohne mit «Wohlfühlpaket» auf das Dach der Justizvollzugsanstalt. Ein Insasse wollte sich Filme, Drogen und ein iPhone direkt vor die Zelle liefern lassen. Da solche Zwischenfälle kein Einzelfall mehr sind, sehen sich Vollzugsbeamte vor neuen Herausforderungen und werden früher oder später auf eine Anti-Drohnen-Technologie zurückgreifen müssen. Letztes Jahr überraschte eine Drohne in Rhode Island einen schwindelfreien Mönch beim Nickerchen und Sonnenbaden auf einer Windkraftanlage. Der nichtsahnende Herr war vom unerwarteten Besuch zwar sichtlich überrascht, aber auch amüsiert. Das sympathische Video kann noch immer auf dem Videoportal Youtube angeschaut werden. Ein amerikanischer Bastler baute sich einen etwas unbeholfenen Küchenhelfer. Er montierte einen Flammenwerfer auf das Gehäuse seiner Drohne, welche im Flug einen Truthahn röstete. Ob das Gericht danach geniessbar war, ist nicht bekannt. «Wirklich beeindruckt wäre ich, wenn Sie den Vogel danach auch verputzt hätten», kommentierte ein Zuschauer das zugehörige Demonstrationsvideo. Die Drohne als kulinarischer Helfer kam auch andernorts zum Einsatz. Das britische Unternehmen Domino’s-Pizza testete eine Pizza-Drohne, welche eine Pizza über 8 Kilometer hinweg sicher transportierte. Der Burrito-Bomber, ein spassiges Open-Source-Projekt, warf mit kleinen Fallschirmen ausgestattete mexikanische Wraps per Drohne ab. Der kommerzielle Nutzen solcher Projekte steht jedoch noch in den Sternen. In aller Munde sind die Futterdrohnen allemal – vielleicht ja auch irgendwann deren Fracht.

Amazon, Facebook, Google & Co.

Die Idee, sich die Drohne in der Logistik zunutze zu machen, ist auch den dominierenden Industriegiganten nicht entgangen, denn die Drohne bringt angesichts stetig steigender Bevölkerungszahlen und immer dichter besiedelter Ballungszentren entscheidende Vorteile: Sie ist umweltschonend, schnell und unabhängig von Verkehr und Infrastruktur.

Im Dezember 2013 kündigte Amazon-Chef Jeff Bezos an, Drohnen in der Warenlogistik einsetzen zu wollen, und nahm eine vieldiskutierte Zukunftsvision vorweg: das unmanned cargo system (engl.= unbemanntes Frachtsystem) mit same day delivery (engl.=Warenzustellung am gleichen Tag). Inzwischen ist die Drohnentechnologie reif: die Amazon-Drohne kann Pakete bis zu 2.5 Kilogramm selbst befördern. Laut Bezos seien auch nur 14% aller Bestellungen des Online-Giganten schwerer. Einen Namen hat der neue Lieferdienst auch schon – Amazon Prime Air. Mit einem regulären Einsatz rechnet er in ungefähr 5 Jahren, da die Bewilligung noch ausstehe.

Die drohende Konkurrenz durch Amazon ist der Schweizer Post nicht entgangen. Allein 60 Mitarbeitende arbeiten im Bereich disruptiver Innovationen, um für die Zukunft gerüstet zu sein und mit attraktiven Dienstleistungen konkurrenzfähig zu bleiben. Die Schweizer Post sieht in der Drohne eindeutig eine Zustellform der Zukunft und eine grosse Chance, entlegene Gebiete der Schweiz mit Sondersendungen in Spezialsituationen zu versorgen. Expresszustellungen lebenswichtiger Medikamente könnten in Rekordzeit bei ihren Empfängern eintreffen. Ein flächendeckender Einsatz der Drohne als Pöstler sieht die Schweizer Post jedoch nicht vor. Hierfür ist der Schweizer Luftraum dann doch zu klein.

Der Google-Mitbegründer und Internet-Mogul Sergey Brin ist überzeugt, dass Drohnen die Logistik nachhaltig verändern werden. Die Frage sei nicht ob, sondern wann und eher wo. Daher reiht sich auch Google in die lange Liste der namhaften Drohnentester ein und geht noch einen Schritt weiter. Das Unternehmen treibt nicht nur die Entwicklung der Transport-Drohne voran, sondern will per Internet-Drohne mit dem Projekt SkyBender 40-mal schnelleres Internet kostengünstig verfügbar machen. Sollte das Projekt Erfolg haben, könnte es bisherige Mobilfunkanbieter empfindlich treffen. Google selbst hofft, ab 2020 mit seinen Internet-Drohnen online zu gehen. Am Internet per Drohne arbeitet auch Facebook, wenn auch mit einem anderen Schwerpunkt. Der Fokus des grössten sozialen Netzwerks der Welt ist es, Internet in entlegene und arme Gebiete und Länder der Welt zu bringen. Facebook kaufte eigens hierfür den britischen Drohnen-Entwickler Ascenta auf, gründete mit seinen Partnern Samsung, Ericsson, Nokia, Qualcomm, Opera und Mediatek das Projekt internet.org und entwickelte die Internet-Drohne Aquila. Die solarbetriebene Drohne ist nicht schwerer als ein Auto und kann bis zu drei Monate in der Luft verweilen, ohne landen zu müssen. Sollte es den ansässigen Bewohnern an Geld mangeln, einen Internetanschluss zu bezahlen, will Facebook hierfür bei den lokalen Providern aufkommen. Der Haken an der Geschichte ist, dass der Projektname ein wenig irreführend ist. Internet.org gewährt den Empfangenden keinen vollumfänglichen Zugang zum Internet, sondern fördert in erster Linie Facebook-eigene Dienstleistungen – und verletzt so die Netzneutralität, sprich das Prinzip, dass alle Daten gleich zu behandeln sind.

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Heutige Grenzen der Drohne

So beeindruckend und vielversprechend sich die bisherige Laufbahn der Drohne auch liest, stösst sie (noch) an ihre Grenzen. Die Reichweite einer Paket-Drohne z.B. beträgt 16 Kilometer mit einer durchschnittlichen Akkulaufzeit von 90 Minuten, was ihren Aktionsradius stark begrenzt. Der logistische Einsatz wäre zum jetzigen Zeitpunkt nur auf Ballungszentren begrenzt. Zudem kann sie sich zwar in Höhen elegant fortbewegen, doch Hindernisse in komplexen Umgebungen rechtzeitig erkennen und diesen ausweichen kann sie noch nicht beziehungsweise erlernt dies erst in wissenschaftlichen Forschungsprojekten. Regulatorische und politische Hürden kommen erschwerend hinzu: der Luftraum ist eigentlich nirgends barrierefrei nutzbar, weder für zivil noch Industrie. Zu guter Letzt hat auch die Drohne natürliche Feinde wie Flugzeuge, Helikopter, Wind, Regen sowie Greifvögel. Gegen Diebstahl und Entführung kann sie sich auch nicht wehren. Doch die Vergangenheit lehrte uns, dass sich Widerstände von heute mit Forschung, Kreativität und Lobbying morgen schon lösen lassen. Es bleibt also nach wie vor spannend.

Schweizer Drohnengesetz – keine Vogelfreiheit

Sollten inzwischen auch Sie im Drohnenfieber sein, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt, sich mit Gesetz und Haftung auseinanderzusetzen, um nach einem Höhenflug keine Bruchlandung zu erleiden. Der Schweizer Gesetzgeber erlaubt das Fliegen einer zivilen Drohne bis zu 30 Kilogramm ohne Bewilligung, schwerere Drohnen müssen vom Bundesamt für Zivilluftfahrt BAZL genehmigt werden. Ein Drohnist muss jederzeit Sichtkontakt zur Drohne halten und Menschenansammlungen im Umkreis von 100 Metern, Flugplätze im Umkreis von 5 Kilometern und militärische Anlagen gänzlich vermeiden. Professionelle Drohnisten empfehlen zudem, Anwohner vor einem Flug zu informieren und für Gespräche mit neugierigen Zuschauern offen zu sein, um Missverständnisse und Verwirrung zu vermeiden sowie Vorbehalte abzubauen. Welche Art Drohne auch geflogen wird, eine Haftpflichtversicherung ab 1 Million Franken ist ein absolutes Muss! Zudem empfiehlt der Schweizer Verband Ziviler Drohnen SVZD, jede Drohne bei sich zu registrieren.

Anti-Drohnen-Technologie – Die Drohne unter Verdacht

Zusammen mit der Drohnentechnologie entwickelte sich jüngst eine ebenso starke Anti-Drohnen-Technik, um unerwünschte Besucher vom Himmel zu holen. Wie der Drohnenmarkt selbst beginnt auch der Anti-Drohnen-Markt zu florieren, um Drohnen mit nicht sehr noblen Absichten unschädlich zu machen. Die Mittel hierzu reichen vom Einfangen bis zu radikalen Methoden wie dem Beschuss mit einer Laser-Kanone. Die niederländische Polizei macht sich die natürliche Abneigung von Adlern gegenüber Drohnen zunutze und richtet die edlen Greifvögel ab, fliegende Eindringlinge im Flug abzugreifen und zu Boden zu strecken – und dies mit sehr grossem Erfolg. Wissenschaftler der Michigan Technical University entwickelten erfolgreich eine Anti-Drohnen-Drohne, welche im Flug in bester Spider-Man-Manier ein Fangnetz auswirft, die Drohne so in Gewahrsam nimmt und abtransportiert. Der amerikanische Hersteller Snake River stellt eine spezielle Anti-Drohnen-Munition für Schrotflinten her, welche im waffenliberalen Amerika grossen Anklang findet, da sie auch Drohnen in hohen Flughöhen erreicht und sie mit ihrer ferromagnetischen Ladung unbrauchbar macht. Die Skepsis der amerikanischen Bevölkerung gegenüber Drohnen macht sich der Hersteller gekonnt zunutze. Auf seiner Unternehmensseite wirbt er mit dem Aufruf, dass sich jeder Bürger für die anstehende Drohneninvasion rüsten sollte. Noch rabiater geht die Rüstungsfirma MBDA-Systems vor: ihre hochpotente Laserkanone pulverisiert unwillkommene Drohnen innerhalb von Sekunden. Deutlich weniger offensiv, jedoch nicht minder effektiv agiert das Unternehmen Blighter Surveillance: Ihr ausgeklügeltes Anti-Drohnen-System blockiert im Umkreis von 8 Kilometern Radiowellen, wodurch eine Kommunikation zwischen Drohnist und Drohne verunmöglicht wird. Die Nachfrage nach dem System ist sehr gross. Grund dafür sind zahlreiche Zwischenfälle, welche die Frage nach der Sicherheit in den Fokus rücken. 2013 passierte z.B. eine Drohne in Berlin unbemerkt alle Sicherheitsmassnahmen und krachte der deutschen Kanzlerin fast direkt vor die Füsse. Verdächtige, unbekannte Drohnen über französischen Atomkraftwerken und englischen Flughäfen werfen Fragen nach einer erhöhten Terrorgefahr und Datenschutz auf. Die Drohne wird unter Verdacht gestellt.

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Datenschutz und Drohnenabwehr

Doch Datenschutz und nationale Sicherheit betreffen nicht nur das Sicherheitsministerium. Wie soll man als Durchschnittsbürger reagieren, wenn man plötzlich im eigenen Wohnzimmer von einer aufdringlichen Drohne beglotzt wird? Der bloggende Rechtsanwalt Martin Steiger von Steiger Legal äussert sich in einem Blogpost wie folgt: «Einfangen ja, abschiessen eher nicht.» Konkret bedeutet dies, dass im Rahmen des Besitzschutzes (Abwehr von Angriffen) gemäss Art. 926 ZGB eine Drohne eingefangen werden darf, sofern eine Abmahnung des Drohnisten nicht möglich oder unwirksam ist. Ein Abschuss oder eine Beschädigung der Drohne wäre jedoch nicht verhältnismässig. «Da der Paragraf die Frage, wie man eine störende Drohne einfängt, ohne sie zu beschädigen, sofern es die Flughöhe denn überhaupt zulässt, schuldig bleibt, bliebe dem Leidtragenden letztendlich doch nichts anderes übrig, als die Drohne abzuschiessen», schreibt Martin Steiger. Insbesondere, um die Drohne als Beweismittel zu sichern, denn bei störenden Drohnen seien die zugehörigen Piloten wohl eher nicht auffindbar. Daher empfiehlt Martin Steiger keine Schusswaffen, sondern Wurfgegenstände, die keine Kollateralschäden verursachen. Ihren Garten darf eine Drohne nur überfliegen, wenn Sie ausdrücklich Ihr Einverständnis geben. Bilder von Personen müssen unkenntlich gemacht werden, auch wenn sie nicht veröffentlicht werden. Bei Verstoss macht sich der Paparazzo zivil- und strafrechtlich strafbar, es drohen Bussen von bis zu 500 Schweizer Franken - so will es das Datenschutzgesetz. Das Problem ist jedoch, dass Drohnen relativ leise und sehr schnell über alle Berge sein können, was eine Ahndung massgeblich erschwert. Für die Drohne ist das Gesetzbuch noch immer eine grosse Grauzone. Der Gesetzgeber hinkt dem Drohnen-Trend eindeutig hinterher und Datenschützer warnen ausdrücklich vor zunehmenden Verstössen. Immerhin wächst mit der Popularität der Drohne die Zahl der Drohnisten, die aufgrund ihrer Unachtsamkeit vom Gesetz einen Rüffel kassieren. Populäre Medien malen die Drohne gleich an die Wand und beschwören seit längerem theatralisch eine Drohneninvasion und die totale Überwachung herauf. Weil Drohnen Unmengen an Daten sammeln können und gelinde betrachtet nichts anderes als fliegende Computer sind, die auch gehackt werden können, sind die öffentlich diskutierte Kritik und Skepsis vielleicht nicht immer ganz unberechtigt.

Die Zukunft zum Greifen nahe

Während Medien und Gesellschaft hitzig debattieren, arbeitet die Forschung bereits heute an der intelligenten, friedlichen Drohne der Zukunft. Wie bereits erwähnt, leidet die heutige Technologie an der einen oder anderen Kinderkrankheit: So sicher und zielstrebig sich eine Drohne in grosser Flughöhe schon heute fortbewegt, ist das Fliegen in komplexen Umgebungen, wie z.B. Wäldern, noch nicht möglich. Ein übersehenes Hindernis oder ein kleiner Fehler kann zum Absturz führen. Schweizer Wissenschaftler haben sich dieses Problems angenommen und eine Drohnen-Software entwickelt, die Waldwege erkennen und ihnen selbstständig folgen kann. Die Drohne nimmt ihre Umgebung mit zwei Kameras wahr. Die gewonnenen Bilder werden im sogenannten tiefen neuronalen Netzwerk (Deep Neural Network) zu Steuerungssignalen verarbeitet. Dieser Algorithmus lernt nach und nach komplexe Aufgaben zu lösen. Nach mehreren Übungsstunden in den Schweizer Alpen konnte das tiefe neuronale Netzwerk auf unbekannten Pfaden in 85% aller Fälle die korrekte Richtung identifizieren. Im nächsten Schritt wollen die involvierten Forscher der Drohne beibringen, Menschen zu erkennen, um sie so zukünftig bei Rettungsaktionen in Bergen und Wäldern einzusetzen.

Noch futuristischer forscht und entwickelt ein internationales, europäisches Wissenschaftler-Team. Im sogenannten Brainflight-Project ist es möglich, Drohnen nur durch Gedankenkraft zu fliegen. Eine Sensorkappe misst die Gehirnströme des Piloten und leitet sie an die Drohne weiter. Ein Algorithmus übersetzt die empfangenen Signale in Steuerungsbefehle. So kann die Drohne beispielsweise nach links oder rechts gesteuert werden. Die Technik kann jetzt schon nicht zur Steuerung zugehörige Gedanken «ausfiltern». Sollte der Pilot abgelenkt sein, schaltet sich der Autopilot ein und garantiert einen stabilen Flug. Erste Tests waren erfolgreich, doch bis dorthin war es ein langer Weg. Der Pilot trainierte vorab monatelang an einem Flugsimulator, um die Steuerung sicher zu beherrschen.

Ob Hobby-Drohnist oder Google-Visionär: Drohnentechnologie begeistert und ist eindeutig gekommen, um zu bleiben - ein Thema, welches man buchstäblich «auf dem Radar behalten» sollte.

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