Heinzelmännchen unserer Gesellschaft

Logistik

Journal 3/16 Logistik gross

Logistische Abläufe spielen sich oft nicht im Scheinwerferlicht unserer Aufmerksamkeit ab. Aus der Mathematik entstanden und zuerst beim Militär zur Anwendung gekommen, hat sich die Logistik heute in zahlreiche Teilgebiete spezialisiert. Eine Spurensuche.

Ursprünglich stand der Begriff Logistik näher bei der Logik und der Mathematik, was das Wort auch heute noch verrät. Bis ins frühe 20. Jahrhundert wurde als «Logistiker» ein bestimmter Anhänger einer mathematischen Ausrichtung bezeichnet. Im militärischen Umfeld verstand man unter dem Begriff «Logistik» allerdings schon früh etwas mehr als nur die Kunst des Rechnens. Denn bei Schlachten und Kriegen hing fast alles von der Versorgung ab, sei es an Kriegsgeräten, Ausrüstung, Verpflegung usw. All dies musste vorgängig ermittelt, beziffert und beschafft werden und zur richtigen Zeit am richtigen Ort bereitstehen – oder man musste den Rückzug antreten. Mit der Industrialisierung und der aufkommenden Massenproduktion wurde zusehends das benötigt, wofür die militärische Logistik steht. Und was versteht man heute unter Logistik? Wollte man die unterschiedlichen Deutungen auf einen Nenner bringen, dann steht Logistik für die strukturierte Organisation von zweck- und zielgerichteten Abläufen.

Logistik wirkt hinter der Kulisse

Warum es heute noch so viel Mühe bereitet, den Begriff Logistik konkreter zu fassen, liegt vielleicht gerade in seiner Geschichte begründet. Denn seine moderne und meist wirtschaftliche Deutung bezieht sich zwar auf zweck- und zielgerichtete Abläufe von heute, steht aber letztlich dafür, worauf die gesamte Zivilisation seit ihren Anfängen aufbaut. Wenn wir heute beispielsweise die vor rund 4500 Jahren erbauten Pyramiden von Gizeh bestaunen, dann bestaunen wir wahrscheinlich erst auf den zweiten Blick die grossartige logistische Leistung, die diese imposanten Bauwerke erst ermöglicht hat. Viel Fleiss und Schweiss waren erforderlich, aber es galt auch unzählige Arbeiter zu rekrutieren, unterzubringen, zu verpflegen, mit bestimmten Werkzeugen auszustatten und gezielt einzuteilen. Und natürlich muss man die tonnenschweren Steinblöcke behauen, transportieren und vor Ort zeitgerecht für den Einbau bereitstellen. Das Beispiel zeigt: Erst der Blick hinter die Kulisse verrät, was Logistik ist und was sie leistet. Das gilt auch für den kleinen Schritt des Einzelnen, der für die Menschheit einen regelrechten Sprung bedeutete: Das Apollo-Programm der NASA steht vermutlich wie kaum ein anderes Grossprojekt dafür, was Logistik ermöglicht.

Logistik in der Moderne

Die Logistik gab es schon, bevor der Begriff dafür geprägt wurde. Kein Wunder also, dass er – auf vergangene Ereignisse angewandt – selten deckungsgleich damit erscheint, wofür Logistik heute verwendet wird. Lange Zeit stand der Transport von Gütern, Materialien, Ausrüstung und Personen im Fokus. Bereits der systematische Ausbau des Strassennetzes durch die Römer und vor allem die Eisenbahn und das Automobil beeinflussten und veränderten die Logistik ganz entscheidend: Zunehmend wurden grössere Mengen mit weniger Mitteln in kürzerer Zeit von einem Ort zum anderen transportiert. Die weiteren technischen Fortschritte flossen ständig ein und veränderten die Logistik genauso, wie sich die Wirtschaft kontinuierlich in arbeitsteilige und spezialisierte Bereiche aufsplitterte. Darum gibt es heute nicht nur die eine Logistik, sondern viele spezialisierte Logistiken mit teilweise ganz eigenen Ziel- und Zweckausrichtungen: Branchen-, Beschaffungs-, Distributions-, Ersatzteil-, Entsorgungs-, Informations-, Lager-, Produktionslogistik usw. Wo die Logistik auch immer greift: Es geht stets um den optimalsten und effizientesten Einsatz verfügbarer Mittel, um das jeweils avisierte Ziel zu erreichen. Auch gesellschaftliche Einflüsse verändern die Logistik, wie zum Beispiel die Sensibilisierung für die Umwelt oder für die artgerechte Nutztierhaltung.

Logistik aus nationaler Perspektive

Die Schweiz mag zwar klein sein, aber wenn es um logistische Leistungen geht, zählt sie zu den Grossen. Zum Beispiel mit den jeweils zehnjährigen Baus des Eisenbahntunnels durch das Gotthardmassiv von 1882 und des Gotthard-Strassentunnels von 1980 sowie des jüngst 20-jährigen Bauten des Gotthard-Basistunnels für den Schienenverkehr. Die Schweiz stellt aber auch bereit, was für die Wirtschaft logistisch unentbehrlich ist, allem voran die Verkehrs- und Informationsinfrastruktur. Denn moderne Gesellschaften sind geradezu existenziell darauf angewiesen, dass Güter und Dienstleistungen stets überall bedarfs- und zeitgerecht verfügbar sind. Im Falle der rohstoffarmen und deshalb auf Importe angewiesenen Schweiz stehen beispielsweise Rohöl und Mineralölerzeugnisse weit oben auf der Prioritätenliste. In einer arbeitsteiligen und zunehmend spezialisierten Gesellschaft ist es umso mehr Aufgabe der Logistik, die Erwartungshaltung durch effiziente und effektive Planung, Beschaffung, Produktion, Distribution und Lagerung zu befriedigen. Auch deshalb hat sich in den vergangenen Jahren eine eigenständige Wissenschaft rund um die Logistik herausgebildet, aus welcher Konzepte wie Just-in-Time-Produktion, Supply Chain Management und viele weitere hervorgegangen sind.

Logistik in Zukunft

Der Blick in die ungewisse Zukunft ist immer verführerisch, aber oftmals auch trügerisch. Was da noch kommen könnte und was tatsächlich kommen wird, hängt auch von den logistischen Möglichkeiten ab, aber nicht nur. Das galt beispielsweise für das 1974 lancierte und damals ziemlich futuristisch anmutende Projekt «Swissmetro»: Eine unterirdische Magnetschwebebahn im Vakuumtunnel zwischen den Grossstädten Bern und Zürich sollte die Reisezeit auf 15 Minuten reduzieren. Das Projekt wurde mitunter aus Kostengründen im Jahr 2009 aufgegeben. Aber schon 2013 kam eine ähnliche Idee auf, die heute als «Cargo sous terrain» diskutiert wird. Man mag die Zukunft in den Vorzügen der Elektromobilität, in der Automatisierung oder in der wirtschaftlichen Nutzung von Asteoriden erblicken. Aber nur eines ist gewiss: Durchsetzen wird sich, was sich die Logistik hinter den vielen Kulissen erschliessen wird.