Computertechnologie

Die virtuelle Realität ist Realität

Bild Virtual Reality Web Gross

Die virtuelle Realität war schon in den 1990er Jahren ein Thema. Damals allerdings eher als ein Blick in eine fantastische Zukunft, denn die Technologie war noch nicht soweit. Heute, rund eine Generation später, steht die virtuelle Realität vor der Tür – zum Beispiel in Form von Virtual-Reality-Brillen.

Eine virtuelle Realität (VR) ist eine technologisch geschaffene Welt, in der sich Benutzer bewegen und mit der Umgebung interagieren können.

Der Begriff virtuelle Realität weckte schon in den 1990er Jahren eine Welle der Euphorie. Allerdings steckte die Computertechnologie damals noch in den Kinderschuhen. Zwar kam der legendäre Commodore C64 bereits 1982 auf den Markt, doch die allererste Website info.cern.ch ging am 6. August 1991 online und erst ab 1992 kamen auch die ersten netzwerkfähigen PCs auf den Markt. Immerhin gewöhnte man sich allmählich an das Kürzel WWW, das weitgehend als Synonym zum viel älteren Internet gebraucht wurde. Die weitere Entwicklung und das «digitale Zeitalter» konnte sich damals noch niemand so richtig vorstellen – höchstens vielleicht ein paar wenige Fantasten, die heutigen Nerds und Science-Fiction-Autoren wie Damian Broderick. Dieser soll in seinem 1982 erschienenen Roman «The Judas Mandala» die Bezeichnung «virtual reality» erstmals geprägt haben.

Fantasie versus Virtualität
Bei der virtuellen Realität geht um die menschliche Fähigkeit, sich eine Fantasiewelt so vorzustellen, wie sie in Anlehnung an Bekanntes möglich erscheint.

Das traf zum Beispiel auch auf die Vorstellung von Jules Vernes in seinem 1865 veröffentlichten Roman «Von der Erde zum Mond» zu, allerdings nur bis zur real gewordenen Mondlandung vom 20. Juli 1969. Seine weiteren Romane wie «Reise zum Mittelpunkt der Erde» (1864) oder «20'000 Meilen unter dem Meer» (1865) sind auch heute noch Fiktion geblieben.

Die Reise um die «flache» Erde oder eben eine Reise zum Mond galt in der jeweiligen Epoche als Unfug. Heute lässt sich praktisch nichts mehr ausdenken, was nicht bereits möglich oder in absehbarer Zeit realisierbar ist: Werkzeuge oder Lebensmittel aus dem 3D-Drucker, Quantencomputer, Kernfusion, eine Mond- oder Marsbasis, Klone und so weiter. Jules Vernes hätte es bestimmt gefreut zu hören, dass auch seine Reise zum Mittelpunkt der Erde verwirklicht wurde, jedenfalls filmisch («The Core – Der innere Kern»). Nur bei «20'000 Meilen unter dem Meer» hat er sich verschätzt – der Marianengraben als tiefste Meeresstelle misst etwa 11 Kilometer, wurde aber mit bemannten Tauchbooten im 1960 und 2012 bereits zwei Mal aufgesucht.

Virtualität versus Realität
Der Übergang von der Virtualität zur Realität kann nicht anders als ruppig sein, denn eigentlich handelt es sich um Gegensätze – entweder Schein oder dann Sein. Im Duden findet man zum Begriff «Realität» drei Bedeutungen: Wirklichkeit, reale Seinsweise und tatsächliche Gegebenheit bzw. Tatsache. Auch der Blick in andere Wörterbücher und Lexika bringt nicht so recht Licht in das Ganze. Einfacher ausgedrückt ist die virtuelle Realität eine Ergänzung oder eine realistische Nachahmung unserer realen Umgebung.

Als Nachahmung ist sie nicht an Schranken gebunden, die uns die Realität vorgibt: in der virtuellen Welt kann man durch eine ungeöffnete virtuelle Türe schreiten, auf dem virtuellen Meeresgrund verweilen oder durch das Innere eines Maschinenkomplexes wandern. Eine möglichst realistische Nachbildung wird insbesondere im Bereich der Unterhaltung angestrebt, wo es tatsächlich darum geht, mit möglichst vielen Sinnen in virtuelle Umgebungen «einzutauchen». «Immersion» heisst denn auch die Masseinheit dafür, wie umfassend die natürlich wahrgenommene Realität von einer virtuellen «Aussenwelt» ersetzt wird – eine Meisterleistung von Designern und Programmierern, die bereits heute beeindruckt und künftig für noch mehr Überraschungen sorgen wird.