Energiestrategie 2050

Folgt nun der grosse Photovoltaik-Boom?

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Das Schweizer Stimmvolk ist bereit für eine Zukunft ohne Atomkraftwerke: Mitte Mai 2017 sprach sich eine Mehrheit mit 58,2 Prozent deutlich für das revidierte Energiegesetz aus. Was bedeutet die Strategie des Bundesrats für die einheimische Elektrobranche?

«Der Wechsel braucht Zeit, aber wir haben auch Zeit», sagte Uvek-Vorsteherin Doris Leuthard, als sie zwei Monate nach der nuklearen Atomkatastrophe von Fukushima (2011) an einer Medienkonferenz den Atomausstieg verkündete. Rund sechs Jahre später wird ihre zentrale Rolle bei der Energiestrategie 2050 vom SRF-Analysten und Politologen Claude Longchamp gegenüber «SRF» als «politischen Höhepunkt» bewertet. Fast niemand wolle mehr in neue Kernkraftwerke investieren und auch die Förderung von einheimischen erneuerbaren Energien habe schliesslich zu einem Ja geführt, so Longchamps Analyse nach der Abstimmung vom 21. Mai 2017.

Die Ziele des ersten Pakets sind hoch gesteckt und wirken sich entlang der drei Säulen der Strategie aus: Zusätzlich zum Verbot neuer Atomkraftwerke steht die Reduktion des Energie- und Stromverbrauchs (siehe Grafik), die Erhöhung der Energieeffizienz sowie der Ausbau von erneuerbaren Energien im Zentrum. Die Energiestrategie 2050 ist nicht nur für die Schweiz als Land, sondern auch für die Elektrobranche eine Chance, erklärt Winterhalter + Fenner Geschäftsführer David von Ow: «Wir stehen vor einer grossen Herausforderung und nehmen uns sehr gerne neuer Technologien an. Nebst unseren Angeboten in den Bereichen Erneuerbare Energien und Gebäudesystemtechnik führen wir in Rothenburg ein digitalisiertes und teilautomatisiertes Lager, das unsere Energieeffizienz und Qualität nachhaltig steigert. Dabei werden 70 Prozent der verbrauchten Energie durch unsere Solaranlage in Rothenburg selbst produziert. Ich bin überzeugt, dass der Anteil an erzeugtem Strom durch Photovoltaik (PV) mit dem revidierten Energiegesetz weiter wachsen wird.»

«Erneuerbare Energien stärken»

Die gesamte Elektrobranche wird eine wichtige Rolle einnehmen, damit die Ziele des Bundes erreicht werden können. Die Verschmelzung der verschiedenen Komponenten, die Automatisierung und der technologische Fortschritt ermöglichen uns neue Chancen im Markt, sagt Roman Christen, Teamleiter Erneuerbare Energien von Winterhalter + Fenner: «Durch das Ja und die dadurch gegebenen Voraussetzungen wird der bereits eingeschlagene Weg fortgesetzt. Wir sind gut vorbereitet und wollen zusammen mit unseren Partnern und Kunden die neu entstehenden Geschäftsfelder im Bereich Energieeffizienz und erneuerbare Energien angehen und weiter erschliessen.» Haushalte und Verkehr haben mit gut 60 Prozent einen grossen Anteil am Gesamtenergieverbrauch. Mit Wärmepumpen - statt Ölheizungen - und Solarenergie sowie effizienter Isolation lasse sich viel Energie sparen, so die Einschätzung von Sandro Pfammatter, Mediensprecher des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE).

In der Branche werden zunehmend Dienste und Pakete angeboten, um die Energieeffizienz zu erhöhen: «In Zukunft bekommen wir vielleicht die Solaranlage, das Elektroauto und die Wärmepumpe aus einer Hand, vom Energieversorger. Oder wir werden unsere selbst produzierte Energie wie auf einem Bankkonto ‹einzahlen› können und später wieder ‹abheben›», blickt Pfammatter in die Zukunft. Zudem würden Gebäudeautomation und Smart Homes künftig eine wichtige Rolle spielen, damit Energie noch effizienter genutzt werden könne. Denkbar ist beispielsweise, das neue Gebäude im Verbund mit smarten Zählern (Smart Meters) und von intelligent gesteuerten Stromnetzen (Smart Grids), zunehmend zu miteinander vernetzten Mini-Kraftwerken werden.

Auch Christen ist überzeugt, dass es durch das neue Energiegesetz vermehrt in diese Richtung gehen wird: «Auf dem Markt wird es dadurch neue Lösungen der Energieerzeugung und des Energiemanagements geben. Die Produkte werden immer intelligenter und kommunizieren untereinander. Deshalb ist es auch wichtig, dass dem Bauherren die Lösungen aufgezeigt werden und dieser entsprechend beraten wird: In Colombier (NE) und neu auch in Ittigen (BE) zeigen wir mögliche Lösungsansätze in unseren Showrooms auf.»

Das neue Energiegesetz sende viele Signale Richtung intelligente Stromnutzung, beurteilt David Stickelberger, Geschäftsführer vom Schweizerischen Fachverband für Sonnenenergie Swissolar die Ausgangslage: «Die Kombination von dezentraler Stromproduktion, lokaler Speicherung, Elektromobilität und intelligenten Steuerungen wird die Haustechnik revolutionieren.

Dabei wird die Elektrobranche eine zentrale Rolle spielen – sofern sie sich den damit verbundenen Herausforderungen stellt.» Dazu gehöre einerseits die Weiterbildung und andererseits auch die Bereitschaft, vermehrt mit anderen Fachleuten, wie beispielsweise dem Dachdecker oder Sanitär, zusammenzuarbeiten. Heutzutage hat der Elektriker oft noch nicht so viele Berührungspunkte mit Photovoltaik-Produkten (PV).

Die Energiewende sei für die Elektrobranche eine grosse Chance, sagt auch Simon Hämmerli, Direktor des Verbands Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen (VSEI). Er glaubt, dass es bald neue Berufsfelder geben wird: «Der Gebäudeautomatiker muss die verschiedenen Elemente miteinander verbinden. Es wird in der integralen Gebäudetechnik neue Berufsfelder geben, zum einen in der Planung und Beratung und zum andern in der Installation und Konfiguration. Es ist wichtig, dass die Berufs- und Weiterbildung weiterhin gestärkt und den wandelnden Anforderungen angepasst wird.»

Grosse Unternehmen seien die Integration bereits am Vollziehen und beschäftigen auch heute schon Sanitärinstallateure. Eine weitere wichtige Aufgabe der Elektrobranche ist die Aufklärung der Konsumenten, verdeutlicht der VSEI-Direktor: «Wir müssen unsere Kunden vermehrt auf das Thema sensibilisieren. Der Kunde muss in Zukunft viel integraler denken. Es reicht nicht mehr nur die Steckdose zu installieren, weil alle Elemente eines Gebäudes in Zukunft noch viel verknüpfter sein werden.»

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