Interview Erneuerbare Energien, Roman Christen

«Solarmodule werden künftig überall integriert werden»

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Seit April 2016 leitet unser langjähriger Product Manager Roman Christen das Team Erneuerbare Energien. Im Interview spricht er über die Energiestrategie 2050 und ihren Einfluss auf den Solarmarkt.

Ohne Revision des Energiegesetzes wäre der Photovoltaik-Markt (PV) laut dem Schweizerischen Fachverband für Sonnenenergie Swissolar massiv eingebrochen. Am 21. Mai 2017 stimmte das Schweizer Stimmvolk über das revidierte Energiegesetz ab: Wie wichtig ist das neue Gesetz für die Solarbranche?
Roman Christen: Das ist natürlich eine überspitzte Aussage, die zum politischen Alltag gehört. Im Jahr 2016 gab es einen Einbruch von 20 bis 25 Prozent. Ausschlaggebend dafür war vor allem die Unklarheit, wie es in Zukunft weitergehen wird. Mit dem Volksentscheid wurde für die Branche nun Sicherheit geschaffen. Ich gehe davon aus, dass sich der Markt bei einem Nein auf dem heutigen Niveau eingependelt hätte. Das neue Gesetz schafft durch seine verschiedenen Fördermassnahmen wichtige Anreize. Bis 2020 soll beispielsweise die MuKEn-Eigenstrompflicht (Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich) in allen Kantonen in Kraft treten: das heisst, dass bei Neubauten ein gewisser Prozentsatz an Erneuerbaren Energien installiert werden muss. Das Gesetz wird kantonal geregelt und wird momentan in vielen Kantonen aufgegleist.

Es stecken viele innovative PV-Projekte in der Pipeline: Ein Solarpark, dessen «Solarwings» auf einer Seilkonstruktion über der Lawinenverbauung am Bündner Chüenihorn installiert werden sollen oder ein schwimmender Solarteppich auf dem Stausee Lac des Toules – um zwei Schweizer Projekte zu nennen. Wie wird sich der Schweizer Markt in den nächsten Jahren verändern?
Ich bin skeptisch, ob sich das Stauseeprojekt durchsetzen wird. Es gibt viele Leute, die sich in der Natur auch an den PV-Anlagen stören. PV-Feldanlagen, wie es sie beispielsweise in Deutschland an den Autobahnen gibt, wird es in der Schweiz wohl nie in diesem Ausmass geben. Es gibt aber andere Lösungen: In der Schweiz gibt es sehr viele geeignete Industrie- und Gewerbegebiete. Auch an Fassaden stören die Solarmodule kaum jemand. Wenn man nur schon diese überdecken würde, wären zirka 30 Prozent unseres Strombedarfs gedeckt. Neue Lösungsansätze werden in anderen Ländern getestet. Längerfristig werden die PV-Module überall, wo es Sinn macht, integriert werden. In den Niederlanden wurde beispielsweise ein Radweg mit Modulen ausgestattet, und in Frankreich wurde im letzten Dezember die weltweit erste mit Solarzellen gepflasterte Strasse eingeweiht.

Was ändert sich in der Gebäudetechnik?
Ich denke, dass die erneuerbaren Energien früher oder später so oder so einen Bestandteil des Gebäudes sein werden. Die Systemkosten sind massiv gesunken: 1992 lagen sie noch bei zwei Franken pro kWh und 2016 bei durchschnittlich 16 Rappen die kWh. Es gibt in der Schweiz viele verschiedene sogenannte Plusenergiehäuser, also Häuser dessen jährliche Energiebilanz positiv ausfällt. Im Experimentalgebäude «Nest» - das durch die Empa und Eawag in Dübendorf betrieben wird - werden unter anderem auch energieeffiziente Technologien im Zusammenspiel mit erneuerbarer erzeugter Energie erforscht. Künftig wird es vor allem in diese Richtung gehen.

Experten gehen bis zum Jahr 2050 von einer weiteren Halbierung der Kosten für eine Kilowattstunde aus. Löst der Entscheid des Schweizer Stimmvolks nun einen neuen PV-Boom aus?
Die nationalen und kantonalen Vorgaben der Energiestrategie ergeben zusammen ein sehr interessantes Paket. Nicht gerade von heute auf morgen, aber längerfristig gesehen schon! In den Jahren 2012 und 2013 schnellten die Verkaufszahlen extrem in die Höhe: dass es in nächster Zeit noch einmal einen solchen Schub geben wird, denke ich nicht. Swissolar prognostiziert, dass es bis 2024 eine beinahe Verdoppelung des jährlichen Zubaus an Photovoltaik geben wird. Die Sonnenenergie wird in der Schweiz schön zulegen, aber dennoch in einem gesunden Mass.

Vor welchen Herausforderungen steht die Elektrobranche?
Der Elektriker hat heute leider oft noch nicht so viele Berührungspunkte mit PV-Produkten. Der Markt spielt sich heutzutage eher beim Dachdecker oder dem Solateur ab. Der Elektriker kommt meist erst zum Zug, wenn der Wechselrichter installiert wird. In Zukunft wird die Zusammenarbeit zwischen den Fachleuten vermehrt zunehmen. Ein neues Business ergibt sich in Zukunft vor allem bei der Inbetriebnahme von Speicherlösungen – da werden die Elektriker auch gefordert werden.

Wie realistisch ist es, dass der Anteil an Solarstrom in den nächsten 10 Jahren von heute drei auf 10 Prozent steigen wird?
Die Produkte wurden in den letzten Jahren immer leistungsfähiger, effizienter und günstiger. Nimmt man diese Fakten zusammen mit den Rahmenbedingungen, die mit der Gesetzesrevision ab 2018 neu gegeben werden, sollte der prognostizierte Anstieg des Anteils an Solarstrom realistisch sein. Es wird aber von grosser Bedeutung sein, wie die vom Bundesrat im November festgelegten Inhalte der Energiestrategie 2050 definitiv aussehen. Gerade die neue Regelung der Kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) und Einmalvergütung spielt für die Investitionssicherheit von grösseren Projekten eine wichtige Rolle.

Welches sind die neusten Produkte, die schon auf dem Markt sind oder demnächst erscheinen?
Noch vor zwei Jahren erzeugte ein Modul ungefähr 275 Watt. Heute ist ein Modul schon so effizient, dass es eine Leistung zwischen 300 und 365 Watt produzieren kann. Zudem werden die Kollektoren immer smarter: In Zukunft wird jedes Modul für sich alleine eine gewisse Intelligenz besitzen. Bei einer Verschattung sinkt die Stromproduktion dank den Smartmodulen beispielsweise schon heute nicht mehr im ganzen Modulstring, weil sich jedes selbst steuert. Auch wir bieten die intelligenten Module in unserem Sortiment an: durch sie wird die Steuerung der ganzen Anlage optimiert.

Worin unterscheiden sich Doppelglas-Module von den herkömmlichen? Und wann entscheidet man sich für welches?
Schon in wenigen Jahren wird das Glas-Glas-Modul zum Standard werden. Verglichen mit dem Standard-Modul hält es extremen Umwelteinflüssen stand, ist resistenter, wird weniger schnell schmutzig und hat eine höhere Belastbarkeit. Nicht zuletzt haben sie eine Lebensdauer von 30 Jahren. Gerade in höheren Gebieten, aber auch für Fassaden eignen sich die Glas-Glas-Module besonders: für jede Steinstruktur kann die passende Farbe auf die Module gedruckt werden. Das ist bei den herkömmlichen Kollektoren nicht möglich.

Wie entscheidet man als Product Manager, welche Produkte ins Sortiment gehören?
Einerseits ist die Verarbeitung der Produkte sehr wichtig, denn wir wollen in unserem Sortiment nur qualitativ hochstehende Artikel. Andererseits schauen wir auch darauf, dass unsere Lieferanten finanziell gut aufgestellt sind. Einige Endverbraucher bevorzugen europäische Module, andere asiatische. Mit Kioto haben wir einen österreichischen Hersteller mit Produktion in Kärnten, der für qualitative hochstehende Standard-Module, aber auch für Spezial-Module steht. Trina ist einer der wenigen asiatischen Hersteller, der in den letzten Jahren profitabel gearbeitet hat und einer der drei grössten ist. Die Produkte sind qualitativ sehr hochstehend und das Sortiment ist ebenso breit. Früher gab es zwischen den europäischen und den chinesischen Modulen grosse Unterschiede: Heute haben sie sich qualitativ angeglichen. Bei Spezial-Modulen kann es jedoch sein, dass ein kleiner europäischer Hersteller, wie Kioto, flexibler ist.

Ein PV-Modul ist langlebig. Wie ist die Ökobilanz eines Solarmoduls?
Bis die Energie, die für die ganze Produktherstellung aufgewendet wurde, wieder reingeholt wird, dauert es für ein europäisches Modul zirka 1,5 Jahre. Bei den chinesischen Produkten ist die Bilanz wegen der Transportwege mit 2,2 Jahren etwas schlechter. Wenn ein Modul 30 Jahre lang genutzt wird, ist die Bilanz sehr positiv. Zudem sind 80 bis 90 Prozent der PV-Module rezyklierbar.



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